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Friedhof der Namenlosen - Tod am wilden Meer
An der Nordseeküste zeugen Friedhöfe für Wasserleichen vom einstigen Schrecken des maritimen Todes. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gingen immer mehr Küstenorte dazu über, für die vormals zumeist nur verscharrten oder provisorisch begrabenen anonymen Strandleichen eigene Friedhöfe anzulegen. Heute berühren die Orte Touristen und Einheimische gleichermaßen als Orte der Erinnerung an schlimme Schicksale von einsam gestorbenen Menschen.
Für Andreas Mäsing, Vorsitzender des Vereins zur Förderung der deutschen Friedhofskultur (VFFK), ist der Heimatlosen-Friedhof auf Amrum ein herausragendes Beispiel. Auch Georg Quedens ist berührt von diesem Ort auf seiner Heimatinsel. Der Heimatforscher und Autor zahlreicher Publikationen zur Inselgeschichte und der Seefahrt kennt jedes Grab. "Wenn Du an den Gräbern mit den Holzkreuzen und den darauf verzeichneten Daten der Bergung vorbeigehst, bekommst du eine Ahnung von dem schrecklichen und einsamen Tod der hier liegenden Menschen infolge einer Sturmflut oder eines Schiffbruchs. Man fühlt mit dem Schicksal der hier Begrabenen."
Tod am wilden Meer
Norbert Fischer, Kulturhistoriker an der Universität Hamburg und seit Jahren mit dem Phänomen der Namenlosen-Friedhöfe beschäftigt, weist darauf hin, dass die Friedhöfe erst in einer Zeit entstanden sind, als das Meer einen Großteil seines einstigen Schreckens bereits verloren hatte. Zum Gedenken an die auf See verstorbenen Seeleute, Schiffskommandanten und Harpuniere der Walfänger wurden von ihren Heimatgemeinden aufwendige Grabsteine errichtet. Den anonymen Strandleichen dagegen erging es meist schlechter. Sehr oft kam es vor, dass gestrandete Leichen einfach in den Dünen vergraben wurden. Nur in seltenen Fällen, wie auf Amrum, wurden sie in einer Ecke des Dorffriedhofes begraben – allerdings ohne Grabmal oder Grabkreuz.
Erst mit dem Aufkommen des Seebäderwesens seit Ende des 18. Jahrhunderts begann sich die Sicht der Einheimischen auf das Schicksal der Strandleichen zu verändern. Um gegenüber den Kurgästen nicht als unzivilisiert, ja barbarisch zu gelten, richtete man zumeist auf Betreiben amtlicher Stellen die ersten Anlagen ein. Nicht gerade ganz selbstlos angesichts der Tatsache, dass der Fremdenverkehr in vielen Orten entlang der Küste zur wichtigsten Erwerbsquelle geworden war.
Schreckens-Mythos und regionale Identität
Der Friedhof ist inzwischen ein wahrer Touristenmagnet. Heimatforscher Quedens erzählt: "An kaum einem anderen Ort erfährt man die Härte und Dramatik des einstigen Lebens an der See so unmittelbar wie gerade hier. Dieser Ort ist in über hundert Jahren ein fester Bestandteil der Insel-Identität geworden. Er gehört mittlerweile fast so zu Amrum wie das Meer und die weiten Horizonte.
Die Toten repräsentieren einen Gutteil der Geschichte dieser Insel, auf die man stolz ist: das harte Leben der damaligen Menschen, die raue See, die Schifffahrt und den typischen Wagemut der Nordseeanwohner, den sie nicht selten auch mit dem Leben bezahlen mussten. Auch wenn man die einzelnen Toten nicht kannte, sie waren eben auch Leute wie wir, und speziell aus Sicht der Fischer und Seeleute Berufs-Brüder."
Text und Bild © Verein zur Förderung der deutschen Friedhofskultur e. V. (VFFK)

